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Übersetzer trafen sich mit Günter Grass
Lübeck (dpa) - Was bitte ist ein «Plattenprojekt» und was bedeutet «Gesülze»? Wie macht man einem Französisch sprechenden Leser klar, dass ein Flüchtlingstreck nichts mit Abenteuerurlaub zu tun hat, und wie übersetzt man Tulla Pokriefkes ostpreußischen Dialekt in andere Sprachen? Solche Fragen schwirrten kurz vor Ostern drei Tage lang durch den Gewölbekeller des Buddenbrookhauses in Lübeck. Dort traf sich Günter Grass mit Übersetzern, die seine erfolgreiche Novelle «Im Krebsgang» demnächst in 31 Sprachen übersetzen werden.

Von Arabisch bis Russisch reicht die Palette der vertretenen Sprachen. Auf Chinesisch wird man «Im Krebsgang» ebenso lesen können, wie auf Lettisch, Slowenisch oder Koreanisch. Die neue Novelle des Literatur-Nobelpreisträgers über den Untergang der «Wilhelm Gustloff» am Ende des Zweiten Weltkriegs ist seit ihrem Erscheinen Anfang Februar nach Angaben des Steidl Verlags in Göttingen bereits in 33 Länder verkauft worden. «Das Interesse an der Übersetzung ist schon jetzt riesig», sagt Boris Chlebnikow, der das Werk ins Russische übersetzen wird.

«Was bedeutet "verrutschende Jungenstimme"?», fragt der Chinese Honjun Cai verständnislos. «Das bezieht sich auf den Stimmbruch», erklärt der Lektor Helmut Frielinghaus, der das Treffen leitet. Als Honjun Cai noch immer nicht versteht, macht Freilinghaus es vor. «Ein Junge spricht ganz hoch und ein Mann ganz tief», sagt er im höchsten Diskant und im tiefen Bass. «Ah, ich verstehe», nickt Cai, und Günter Grass flachst: «Ich befürchtete schon, in China gebe es den Stimmbruch nicht.»

«Jede Literaturübersetzung ist ein Nachschaffen des Werks in der Fremdsprache», erläutert die Lektorin Daniela Hermes. «Umgangssprache muss in Umgangssprache übersetzt werden. Wo Grass sprachschöpferisch tätig ist, muss auch der Übersetzer Wendungen finden, die beim ausländischen Leser den gleichen Aha-Effekt hervorrufen», sagt sie. «Doch zugleich darf man den Autor nicht instrumentalisieren. Als Übersetzer hat man eine Monopolstellung, ein Privileg, das man nicht missbrauchen darf», meint Chlebnikow.

«Ist "Beziehungskiste" ein Wort aus der aktuellen Jugendsprache?», will Grita Loebsack, Spanisch-Übersetzerin wissen. «Ja, er wird aber auch von der 68er-Generation verwendet», antwortet Hermes. Neben den verschiedenen Szene-Sprachen müssen die Übersetzer auch Entsprechungen für im Deutschen geläufige Sprachbilder finden. Das ist nicht immer einfach. «Um zu zeigen, dass Tulla Pokriefkes Dialekt für ihre geographische und soziale Herkunft steht, kann ich zum Beispiel einen levantinischen Dialekt benutzen. Da weiß jeder Leser im arabischen Sprachraum, was gemeint ist, auch wenn er einzelne Worte nicht unbedingt versteht», sagt Gisela Waller-Hajjar, die das Werk ins Arabische übersetzen wird.

Trotz dieser Schwierigkeiten ist das Buch «Im Krebsgang» für die Übersetzer eines der einfacheren Werke von Grass, erläutert Hermes. Seit 1977 gibt es solche Übersetzertreffen, der Literatur-Nobelpreisträger ist einer der wenigen Autoren, die in dieser Form mit ihren Übersetzern zusammenarbeiten. Der Grund dafür sind offenbar schlechte Erfahrungen. «In den 70er Jahren ist in Schweden eine sehr fehlerhafte Übersetzung des Romans "Der Butt" erschienen. Seither besteht Herr Grass auf solchen Treffen», sagt die Lektorin.

Quelle: http://www.frankenpost.de/php/resy/export/ini//artikel/resyart.php?id= 254530

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